Ludwig Scheuermann2018-09-15T15:05:12+00:00
Zimmergeschichten Ludwig Scheuermann

Zimmer 21 – Ludwig Scheuermann

Geboren 18. Oktober 1859
Gestorben 01. September 1911

Geboren in Südafrika und aufgewachsen in Augsburg war Ludwig es schon als Kind gewöhnt, mit seiner Mutter und seinem Bruder zur Sommerfrische nach Herrsching an den Ammersee zu fahren.

Als Herberge nahmen sie immer die Poststation und wurden im Laufe der Jahre von der Wirtsfamilie eher als Familienmitglieder gesehen. So kommt es, dass es auch selbstverständlich war für die Familie Scheuermann, bei gemeinsamen Mahlzeiten zusammenzusitzen und mitzuhelfen.

Während alle anderen Kinder im See badeten, saß Ludwig in der Ferienfreizeit lieber im Schatten unter einem Baum und zeichnete, was er sah und wahrnahm. Die anderen Kinder hielten ihn für einen Sonderling, ja sogar einen Feigling. Allen voran der Sohn des Schreiners, der Benedikt, der von seinen Freunden natürlich nur Bene genannt wurde.

Benedikt war im Gegensatz zu Ludwig ein eher ruheloses, freches und sehr dominantes Kerlchen – auch als Anführer der Herrschinger Buam bekannt. So war es nicht verwunderlich, dass sein Name mit dem einen oder anderen Schabernack in Verbindung gebracht wurde.
So stöhnte vor allem der Pfarrer Bonifatius über seine Ministranten, denen er zwar jederzeit ein gutes Herz anrechnete und bescheinigt hätte, jedoch von Benedikts unglaublichen Fantasien nie verschont blieb.

So bat der Pfarrer seine Gemeindemitglieder um Hilfe für Resi, seine Pfarrersköchin, die üppigen Kirschbäume im Pfarrhausgarten von den reifen Früchten zu befreien, sodass Resi seine Lieblingsmarmelade kochen konnte, die beste Sauerkirschmarmelade der Welt. Als die Gemeindemitglieder und Resi jedoch zu den Bäumen kamen, war keine einzige Frucht mehr an den Ästen.
Keiner wars …
Auffällig war nur, dass 5 Jungs, der Meier Schorsch, der Huber Hansi, der Darchinger Martin und der Neumaier Hannes, deren Anführer der Bene war, und die Liesl von der Post in der Schule unter schweren Koliken litten und der Schularzt eine leichte Vergiftung mit Verdacht einer Überdosis an Steinfrüchten diagnostizierte.

An dieser Stelle darfst du deiner Fantasie freien Lauf lassen.

Das zweite Ärgernis mit dem Bene war der Gottesdienst zur Christi Auferstehung. Der Pfarrer hatte viel geprobt, die Taube genau zum Kirchenlied, „erhebet euren Geist“ vom Himmel fliegen zu lassen. Just am besagten Tag saß der Bene oben auf dem Dachstuhl. Das Seil verhedderte sich, an dem die Taube angebunden war. Bene fluchte laut: „Zefix Hallelujah, so a depperte Tauben, scheiß ma jetzt ned in die Hand“, welches durch die ganze Kirche halte. Geplant war ein andächtiges Schweigen und Staunen. Der arme Pfarrer hatte somit dies nicht erreicht, was er sich wochenlang ausgemalt hatte, sondern er schaute anfangs in entsetzte und dann schmunzelnde Gesichter. Zum Ende brach ein grölendes Gelächter unter der Kirchengemeinde aus.
Pfarrer Bonifatius hingegen war fassungslos. „Der Hundsbua!“

Diese Geschichte nur am Rande.

Dem Benedikt gefiel dem Ludwig seine Malerei überhaupt nicht.
Eines Tages zeichnete Ludwig unter einem Baum im Schatten und Benedikt setzte sich zu Ludwig.
„Was malst du da?“
„Na das was mir so vor die Augen kommt.“
„Kannst du auch Geister malen?“
„Na klar, wenn ich welche sehe.“
„Das glaube ich dir nicht, du schaust so aus, als wärst a richtiger Angsthase.“
Das wollte Ludwig nicht auf sich sitzen lassen.
„Ha“ sagte er, „bring mir Geister und ich versichere dir ich bringe diese auf Papier.“
„Das schaffst du nicht, aber wenn doch, hast was gut bei mir.“
„Jetzt erzähl mal, wo gibt es Geister.“
„Immer bei Vollmond musst du hoch zur Martinskirche, am Priestergrab 3 Schritte vor, 3 Schritte rechts, 3 Schritte links, dann gehst runter zur großen Tanne und gehst 3-mal um sie rum. Pünktlich zum Mitternachtsläuten siehst du sie. Du musst nur 1 Minute vor Mitternacht auf den Maulwurfshügel pinkeln.“
Nachdem die Vollmondnacht gerade eine Nacht später war, nahm Ludwig Scheuermann all seinen Mut zusammen und büchste aus. Natürlich präparierte er vorher sein Bett, als würde er fest schlafen.
Nach Anleitung ging er 3 Schritte vor, 3 Schritte rechts, 3 Schritte links, runter zur Tanne, 3 mal um sie herum. Verstohlen ob ihn jemand beobachte, pinkelte er auf den Maulwurfshügel, hielt seinen Zeichenblock parat, um ja nicht die Geister zu versäumen. Dann folgte das Mitternachtsläuten, danach – Stille. Ludwig setzte gerade den Bleistift an, um die Geister festzuhalten, als ein riesengroßes Spektakel begann.

Um ihn herum war ein riesiges Feuerwerk zugange. Zisch, Knall, Radau, Bäng. Feuerbälle wirbelten durch die Nacht, grelle Blitze durchzogen die Dunkelheit und das Donnergrollen der Raketen war ohrenbetäubend.
Ganz Herrsching erwachte.
Der alte Messdiener, der Schorschi, der genau neben der Martinskirche wohnte, war als erster vor Ort. Er sah den Ludwig, der versuchte abzuhauen. „Aber nicht mit mir Bürscherl“, schrie der alte Messdiener, der ihm hinterherhechtete und am Ohr schnappte, und ihm dieses langzog.

Also kein Entkommen für den Jungen, der seine Unschuld beteuerte. Eingesperrt in die Sakristei wartete Ludwig auf seine Freilassung. Pfarrer Bonifatius, durch lautes Klopfen an der Türe wachgeworden, wurde von den Bürgern informiert und zu dem Schuldigen geführt. Zwischenzeitlich hatte sich Ludwigs Mutter auf die Suche nach ihrem Spross gemacht und so traf sie gleichzeitig mit dem Pfarrer an der Sakristei ein.

Ludwig saß seelenruhig in der Sakristei und zeichnete. Sofort wurde er von Mutter und Pfarrer ins Kreuzverhör genommen. Jedoch behauptete er, er wollte in der Nacht nur die Martinskirche malen und von dem was passiert sei, sei auch er überrascht worden. Gleichzeitig erzählte er, dass er just in dieser Nacht eine göttliche Eingebung hatte. So meinte er, es wäre mit dem Spektakel wohl eher Gottes Fügung gewesen – denn er hätte eine gigantische Idee für Herrsching in dieser Nacht erhalten.

Die Watschen seiner Mutter sollte er genauso wenig vergessen wie die 2 Wochen Hausarrest, die er in der Postküche absolvieren musste. Er bekam auch keine Gelegenheit um mit Benedict zu reden.

…Jahre vergingen…

Erst wieder nach Ludwig Scheuermanns Studienzeit – Benedikt war wohl gleichzeitig auf der Meisterschule – trafen sich die beiden jungen Männer im Jahre 1888. Ludwig Scheuermann erwarb das Areal des heutigen Schlossparkes und ließ oh Wunder vom damaligen Bürgermeister und Zimmermeister Benedict Rehm ein Schlösschen am Seeufer errichten, wo er jeden Sommer mit seinen Freunden Kunstfeste feierte.

Kurparkschlösschen Herrsching